Das ist kein Fest.

Manchmal ist es nicht einfach, die Wahrheit zu erzählen. Manchmal ist es besser, nichts zu sagen. Manchmal ist es besser, die Wahrheit unter den Tisch zu kehren. Weil sie unangenehm ist. Weil man sich vielleicht selbst damit schadet – sich selbst in ein nicht so gutes Licht stellt. Aber – jetzt – ja genau jetzt – ist es wichtig, wichtig für mich, die Wahrheit zu erzählen. Die Wahrheit über das Erntedankfest in der Gemeinde, in der ich lebe.

In dieser Gemeinde gibt es vier Vollerwerbslandwirte: 2 Bauern und 2 Bäuerinnen.
Diesen liegt das Erntedankfest sehr am Herzen.

Ich bin eine der Bäuerinnen.
Früher habe ich für das Erntedankfest Aufstriche gemacht, Bäckerei und Kuchen gebacken, die Bäckerei auf Tassen verkaufsfertig zusammengestellt, Aufstrichbrote serviert, Tische abgeräumt, das Geschirr gewaschen, das Erntedankbrot in Stücke geschnitten und verteilt, den Wasserkrug zur Kirche getragen oder gar die Erntekrone mitgetragen. Schön war es im Jahr 2010. Hier haben wir das Wasser zum Thema unseres Festes gemacht. Wir haben Wasserflaschen mit eigenen Etiketten versehen und diese dann in der Kirche an alle Gäste verteilt. Unser Motto war „Danke für das Wasser. Danke für unser Leben.“
Ja, da war alles noch „im grünen Bereich“. Sonnenschein – überall.



Nach und nach änderte sich einiges.
Immer nur ein wenig.
Aber über die Jahre hinweg genug, um heute einmal „auszupacken“.
Weil: es reicht.

Und hier ist die Geschichte.

Alle Jahre wieder: das Erntedankfest.
Ein Fest der Danksagung.
Ein Fest der Bauern und der Kirche.

Erntedankfeste gab es eigentlich schon in vorchristlicher Zeit. Im „alten“ Rom, bei den Griechen, u.s.w.
Das erste überlieferte christliche Erntedankfest endete mit dem Tod Abels durch die Hand Kains.
Kein lustiges Fest.

Seit dem 3. Jahrhundert ist das Erntedankfest nun in Form eines christlichen Brauches belegt.
Die Tradition des heutigen Erntedankfestes ist auf Bräuche aus dem 18. Jahrhundert zurückzuführen. War man mit der Ernte fertig, wurde vom Gesinde ein Kranz aus Getreide geflochten. Den haben sie dann dem Bauern übergeben und wurden dann vom Bauern zu einem Festessen eingeladen.

Also ein Fest der Bauern und der Kirche.

Nicht so in in dieser Gemeinde.



Hier meinte der Pfarrmoderator vor einigen Jahren, dass das Erntedankfest ein Fest der Bauern wäre, und nicht eines der Kirche. Tja. Dem schloß sich damals einer der Pfarrgemeinderäte gleich an, indem er beim vorletzten Erntedankfest meinte, da das ja ein Fest der Bauern wäre, sollten die Bauern nach dem Fest alles wegräumen und putzen.

Also doch ein Fest der Bauern.
Warum spricht dann der Pfarrmoderator?
Warum lädt dieser dann auch noch den Bürgermeister zur Ansprache?
Noch nichts von der Säkularisierung gehört?
Das ist ja keine Veranstaltung zum 1. Mai.

Einer der Pfarrgemeinderäte meint nun, es wäre egal, was der Pfarrer sagt, es wäre ein Fest der Pfarre.
Aha. Und dann meint er sinngemäß, dass wir (die Bauern) es ihm zu verdanken hätten, dass das Erntedankfest mit der Pfarre gefeiert wird, und dass die Bauern es nicht alleine „stemmen“ müssten. Naja, denke ich mir, sooo viel Arbeit ist das auch wieder nicht. Aber gut. Vielleicht weiss er nicht, wieviel Bauern grundsätzlich zu arbeiten gewohnt sind.

Aber – das ist ja noch nicht alles.
Eine Woche vor dem Erntedankfest gibt es dazu eine Besprechung in der Pfarre. Dazu sind eingeladen: der Pfarrmoderator, der Pastoralassistent und zwei Pfarrgemeinderäte.
Einen Tag vor dieser Besprechung fällt einem der Pfarrgemeinderäte ein, dass es ja auch Bauern in der Gemeinde gibt. Also lädt er einen von ihnen ein. Die restlichen drei Vollerwerbsbauern (2 Bäuerinnen und 1 Bauer) lädt niemand ein.



Ich kenne viele Erntedankfeste. Feste in anderen Pfarren. Die sind anders. Da wird nicht nur liebevoll miteinander umgegangen, sondern auch gemeinsam vorgegangen. Da kommen keine „Befehle“, sondern da wird gefragt. Gefragt, nach dem, was den Mitgliedern der Pfarre wichtig ist, was den Bauern wichtig ist, was jenen wichtig ist, denen das Erntedankfest am Herzen liegt, denen, die mithelfen und mitwirken möchten. Da läßt man sich etwas einfallen.

Die Plakate für das Erntedankfest, die ich – wie auch in den vergangenen Jahren – auf meine Kosten anfertigen habe lassen, die liegen noch immer bei mir zuhause. Sie sind ganz offenbar nicht erwünscht.

In unserer Gemeinde gibt es zwei Vollerwerbsbäuerinnen.
Eine davon bin ich.
Und irgendwie denk ich mir – da feiere ich das Erntedankfest wo anders.
Dort, wo man noch DANKE sagen kann.
Dort, wo die Bauern und ihre Arbeit noch geschätzt werden und wo mit Menschen respektvoll, wertschätzend und achtsam umgegangen wird.

Übrigens: die hiesige Pfarre hat beschlossen, das Erntedankfest, das die am besten besuchte kirchliche Veranstaltung im Jahr ist, dafür zu nützen, Spenden für ein Projekt von Herrn D. in Indien zu sammeln.

Ich – und das ist meine ganz persönliche Meinung – empfinde dies als einen Affront sondergleichen. Da kommen Mitglieder der Kirchengemeinde zusammen, um Dank zu sagen. Da gibt es ganz viele Menschen, die mithelfen, dieses Fest zu einem schönen Fest zu machen. Da gibt es Menschen, die kommen, um gemeinsam zu feiern, was unsere Bauern erarbeitet und die Natur – mit Gottes Hilfe – hervorgebracht hat. Und dann – dann werden sie bei dieser Feier, auf die sie sich schon gefreut haben, damit konfrontiert, für ein Projekt zu spenden, ja fast spenden zu müssen. Ich empfinde dies auch als Nötigung, wenn – so ist es geplant – am Kirchenausgang jemand mit der Spendenbox steht, nachdem in der Kirche darauf hingewiesen, und um Spenden gebeten wurde. Jeder möchte entsprechen, sozial erwünschtes Verhalten nennt es der eine, Gruppenzwang der andere. Mir fällt noch viel dazu ein. Ich finde es frech und anmaßend, ein schönes Fest der Bauern und der Kirche dazu zu benützen.



Es gibt 52 Sonntage und noch sehr viele Feiertage im Jahr, die sich dafür anbieten, für das Projekt von Herrn D. zu sammeln. Aber nein. Das Erntedankfest wird dafür benützt.
Und – alle Beteiligten, alle, die im Vorfeld dafür gearbeitet haben, die die Buschen, die Erntedankkrone und die Winzerkrone gebunden, Aufstriche, Bäckereien und Torten „produziert“ haben, u.s.w., all diese Menschen werden NICHT gefragt.

Übrigens – es gibt auch Projekte in Österreich, die mit Landwirtschaft zu tun haben, die unterstützt werden können. Ein solches Projekt hätte eher gepaßt. Zu diesem Fest. Dem Erntedankfest. Wenn man schon die Gäste des Erntedankfestes als Spender „benützen“ möchte. Aber – das interessiert den Pfarrgemeinderat nicht. Vorschläge meinerseits werden nicht angehört oder sogleich abgetan. Hier wird entschieden und diktiert. Demokratie ist nicht gefragt. Die Meinung der Kirchengemeinde ist egal.

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